|
ARTE THEMENTAG: IRAN
Frei sein durch Schreiben. In Iran ist die Anonymität des Internets
oft die einzige Möglichkeit, Meinung frei zu äußern. Doch auch das
ist mittlerweile gefährlich. Die Autorin Nasreen Avali sagt, warum.
Ein iranischer Blogger fragte einmal: „Ist euch aufgefallen, dass
merkwürdigerweise die Graffitis in den öffentlichen Toiletten
verschwunden sind, seit es Weblogs bei uns gibt?“ Denn im Gegensatz
zu Graffiti ist Irans Blogosphäre – eine der größten weltweit –
grenzenlos und global. Ich habe ein Buch über die Anfänge der
iranischen Blogs zusammengestellt:
„Wir sind der Iran“ heißt es, weil es der Babyboom-Generation der
Jahre nach dem Iran-Irak-Krieg von 1980 bis 1988 eine Stimme gibt,
die die Zukunft des Landes bestimmt. Für mich hört man in diesen
Blogs die Stimmen einer aufblühenden Generation gebildeter, junger
Menschen. Die Weblogs spiegeln unzensierte Gespräche wider, wie sie
auf dem Uni-Campus zu hören sind. 65 Prozent der Bevölkerung Irans
sind unter 30, die Alphabetisierungsrate liegt bei weit über 90
Prozent und mehr als 60 Prozent aller Studierenden sind Frauen.
Die Iraner haben 1979 eine gewaltsame Revolution und einen acht
Jahre dauernden Krieg mit dem Irak erlebt, der erst 1988 endete. Die
Straßen und engen Gassen in Iran wurden umbenannt. Sie tragen jetzt
die Namen tausender Toter, an die sich die Einwohner des jeweiligen
Viertels meist lebhaft und liebevoll erinnern. Shargi bringt es
vielleicht auf den Punkt, wenn sie in ihrem Weblog sagt: „Ich hasse
Krieg. Ich hasse die Befreiungskämpfer, die unseren Erdboden, unsere
Häuser, Jung und Alt mit ihren Stiefeln niedertrampeln. Glaubt mir,
ich liebe die Freiheit. Aber ich denke, man muss sich selbst
befreien. Niemand anderes kann das tun.“
Die Zeit wird zeigen, ob iranische Blogs lediglich dazu dienen, dass
die Unterdrückten Dampf ablassen können oder ob man sie als moderne
Gutenbergpresse betrachten kann. Im Moment jedenfalls bieten sie
einen einmaligen Einblick in das sich ändernde Bewusstsein der
Jugend. Manchmal kann man dank der Weblogs sogar einen Blick hinter
die Fassade der Schlagzeilen werfen. Ein Beispiel ist die
Berichterstattung über einen Angriff von etwa 400 Demonstranten im
Februar 2006 auf die Dänische Botschaft in Teheran nach der
Veröffentlichung der Karikaturen des Propheten Mohammed in einer
dänischen Zeitung. Unter den Demonstranten war auch Saleh, Mitglied
der iranischen Basij-Miliz. Am Tag danach schrieb er in seinem Blog
über den Spaß und Nervenkitzel bei diesem Angriff. Er lud Bilder
hoch, die ihn selbstgefällig in der Botschaft zeigen. Sich einem
Mitglied der Basij auf den Straßen Teherans gegenüberzustellen,
würden nur sehr Tapfere oder Verrückte wagen. Auf Salehs Blog
hingegen wurden innerhalb von nur zwei Tagen hunderte wütender
Kommentare wie der folgende hinterlassen: „Ich kann meinen Hass
gegen dich und deine Handlungen nicht verbergen. Menschen deiner
bestialischen Art geben dem Westen Grund dafür, unseren geliebten
Propheten und unseren Glauben zu beleidigen.“ Oder: „Du hast
geschrieben, wenn du die Kommentare liest, seist du stolz darauf,
von den Feinden der Revolution angegriffen zu werden. Hör’ mir zu,
du gottloser Narr … welche Feinde? Es sind ganz normale Menschen, …
deine Landsleute!“
Iranische Moslems können durchaus an ausländerfeindlichen Bildern
Anstoß nehmen, die ihren Propheten als Terroristen darstellen. Die
meisten Iraner haben sich an einem gewalttätigen Protest jedoch
nicht beteiligt. Und doch vermittelte die westliche
Berichterstattung den Eindruck, dass dieser 400 Mann starke, von
offizieller Seite unterstützte Mob in einer 12-Millionen-Stadt die
Stimmung in den Straßen Irans repräsentiere.
Die iranische Regierung war 2003 die erste weltweit, die einen
Blogger, den Journalisten Sina Motallebi, inhaftierte. Seither
wurden zahlreiche andere Blogger verhaftet. Es bleibt nicht aus,
dass Selbstzensur geübt wird und spätere Aussagen der Blogger keine
Ähnlichkeit mehr mit ihren vorherigen unzensierten Einträgen haben.
So geht auch ein iranischer Witz in Teheran und in der Blogosphäre
um: „Ein Amerikaner, ein Äthiopier und ein Iraner werden nach ihrer
Meinung zur Fleisch-Rationierung gefragt. Der Äthiopier antwortet:
‚Was ist Fleisch?’ Der Amerikaner sagt: ‚Was ist Rationierung?’, und
der Iraner fragt: ‚Was ist eine Meinung?’“ Die einst freie
Blogosphäre, die ich im Buch „Wir sind der Iran“ beschreibe, gibt es
vielleicht nicht mehr in ihrer ursprünglichen Form, doch die jungen
Menschen, die ihre Stimmen damals erhoben, existieren noch immer.
Privatgespräche sind nur einmal mehr hinter verschlossene Türen
verbannt worden. Ein bedeutender und einst sehr produktiver Blogger
hat bei der Schließung seines Blogs eine letzte Mitteilung
eingestellt. In dieser ging er auf die steigenden Gefahren für
Blogger ein sowie auf die Selbstzensur und seine Beweggründe, mit
dem Schreiben aufzuhören: „Nicht, dass ich nichts zu sagen hätte,
aber ich will nicht mehr schreiben, wenn ich nicht ich selbst sein
kann.“
Im November 2008 warnte eine Wochenzeitung der iranischen
Revolutionsgardisten die Blogger davor, das Internet für eine
„Samtene Revolution“ zu benutzen. Um dies zu verhindern, gab sie
bekannt, dass nun 10.000 Mitglieder der Basij-Miliz anfangen würden
zu bloggen. Aber selbst in solchen öffentlich geförderten Bereichen
entfaltet die Blogosphäre ihre befreiende Wirkung. So sind
Forderungen, der Präsident solle zur Verantwortung gezogen werden,
sowie die Kritik an der Nichteinhaltung seiner Wahlversprechen
lauter geworden. Der Blogger Beheshti, selbst Hisbollah-Mitglied,
schreibt in einem Beitrag, der sich an Ahmadinedschad richtet: „Ich
hoffe, es wird nie der Tag kommen, an dem wir vergessen, dass Sie
eigentlich gegen die Korruption kämpfen sollten …
Bei allem Respekt, den ich für Sie habe, werde ich von nun an Ihre
Pressekonferenzen meiden, da ich es nicht ertragen kann, wie Sie den
Fragen ausweichen.“ Diejenigen, die Ahmadinedschad infrage stellen,
sind junge Idealisten, die die egalitäre Rhetorik der Revolution
wörtlich nehmen. Sie sind vielleicht die größte Gefahr für das
Regime, da sie Teil einer neuen Generation von Iranern sind, denen
die Wahrheit mehr bedeutet als das Märtyrertum. Bekanntlich sind die
meisten Machthaber des Mittleren Ostens mit der jungen Generation
uneins. Die iranische Obrigkeit muss begreifen, dass es 30 Jahre
nach der islamischen Revolution keine islamischen Hardliner schaffen
werden, durch faire Wahlen die Kontrolle über irgendeinen Campus zu
erlangen. In der Vergangenheit haben Iraner ihre Fähigkeit zu
tiefgreifenden Veränderungen bewiesen. Die Siege von Chatami und
Ahmadinedschad kamen für viele unerwartet. Es scheint möglich, dass
Iran, das vor 30 Jahren einer irritierten Weltöffentlichkeit den
politischen Islam vorgestellt hat, die Welt noch einmal überraschen
kann.
ARTE PLUS
Abriss der politischen Entwicklungen in Iran:
1941 wird der in Europa erzogene Mohammad Reza Pahlavi der neue
Schah Irans; 1951 wird Mossadegh
Ministerpräsident; seine Ölpolitik bringt ihn in Konflikt mit dem
Schah, die CIA hilft, Mossadegh zu stürzen. US-Beteiligung am Öl
wächst; außenpolitisch stützt sich der Schah auf den Westen und
unterdrückt hart die Opposition; seine innenpolitischen Reformen
gehen der konservativen muslimischen Bevölkerung zu schnell; ab 1962
ist Schiitenführer Chomeini Kopf der Opposition; während die
Monarchie ihren Reichtum ausstellt, lebt die Bevölkerung in Armut;
der Widerstand zwingt den Schah 1979 ins Exil. Chomeini ruft die
„Islamische Republik Iran“ aus; 1980 Angriff des Irak, erster
Golfkrieg; 1989 Tod Chomeinis; Rafsandschani wird Präsident; 1997
wird der moderate Chatami Präsident, 2005 siegt Ahmadinedschad in
einer Stichwahl
http://www.arte.tv/de/suche/2413656.html
[1636]
|